Do, 11.03.2010 | 10:10 Uhr
Demokratie ist ... selbst etwas zu tun: Lisa Steger hat den 68-jährigen Metzger Wolfgang Wurl aus Neukölln begleitet, ihn seit dem April immer wieder getroffen. Wolfgang Wurl macht sich stark für die Integration. Er ist in mehreren Vereinen engagiert. Um Spenden für eine ehrenamtliche Nachhilfeorganisation einzunehmen, lässt er sich was einfallen - so kocht er beispielsweise im Kulturhaus „Morus 14“ im Rollbergviertel alle paar Wochen für 70 Leute:
Wolfgang Wurl: "Dieter, wir müssen noch die Soße andicken.. jetzt noch´n paar Teller ..."
Bis zum Mittagessen ist es noch eine halbe Stunde, doch Wolfgang Wurl und sein Nachbar sind schon im Stress. Im weißen Kittel steht der rundliche Fleischermeister in der Küche des Kulturhauses "Morus 14" im Rollbergviertel am Herd. Es ist heiß, und der Dampf nebelt ihn ein. Die Eingangstür ist offen und die ersten Esser kommen schon.
In mehreren Brätern hat Wurl Rinderschmorbraten angesetzt. In einem Topf kochen Erbsen und Möhren und in dem anderen 30-Liter Topf sind die Kartoffeln. 25 Kilo.
Wolfgang Wurl: "Jetzt abgießen! So. Die Soße ist auch fertig. 15 Kilo Fleisch! Das gibt eine kräftige Soße."
Schon gestern war er den ganzen Tag unterwegs, hat eingekauft, und am Abend saß er dann da. 25 Kilo Kartoffeln zu schälen, das dauert, aber ein paar Nachbarinnen haben ihm geholfen, sagt er. (In dem großen hellen Saal des Kulturhauses haben sie dann für 70 Leute gedeckt. Weiße Tischdecken, Servietten. Es sieht aus wie in einem guten Restaurant.)
Um 12 Uhr schon sind die meisten Plätze besetzt. Jeder zahlt am Eingang 3.50 Euro. Wurl bekommt zurück, was er ausgegeben hat, der Rest geht, wie immer bei Wurls Veranstaltungen, an das „ Netzwerk Schülerhilfe Rollberg“, die Nachhilfeschüler aus dem Kiez, die der Rentner unterstützt. Je mehr Menschen essen können, umso höher der Profit - deshalb lässt Wurl die Pause aus:
Wolfgang Wurl: "Ick selber esse nie. Ick bin schon satt durch det Kochen. Det janze Fleisch, det Gemüse. Da ess ick jar nischt mehr.“
Wenig später sind alle Plätze besetzt, einer der Gäste ist Mehmet Karaoglan, ein Mann Mitte 30:
Mehmet Karaoglan: "Jetzt habe ich neue Kollegen mitgebracht. Es ist eine Unterstützung für den Verein. Und es gibt auch gutes Essen."
Als Wurl vor Jahren das erste Mal kochte, kam nur eine Handvoll Leute. Heute wechselt man sich im Verein ab. Jede Woche kocht ein anderer. Afrikaner, Franzosen, Polen, Türken. Und es kommen immer mehr. Im Ramadan wird der alte Fleischer wieder zusammen mit den muslimischen Nachbarn hier das Fasten brechen und danach das Opferfest feiern. Im Herbst lädt er dann die Polen ein, zum Erntedank. Wurl sagt, das, was er hier macht, ist Integration.
Wolfgang Wurl: "Wir dürfen uns nicht einfach verschließen. Es ist nunmal so, dass wir viele hier haben, die ausländischer Herkunft sind. Es gibt hier auf dem Rolberg 360 Nationen. Wir sehen das, was wir hier machen, asl ein politisches Engagement."
140 Euro sind es am Ende, die nach dem Abzug der Unkosten noch übrig bleiben. Ist das viel, ist das wenig? Darauf, sagt Wolfgang Wurl, kommt es nicht an.
Wolfgang Wurl: "Man muss auch auf die Leute zugehen können. Man muss sich mit dem Volk befassen. Man muss wissen, wie sie leben. Früher ham wir gesacht: Tag, Egon, Tag, Paul. Wie geht’s dir? Heute sage ich: Tag, Ali, Tag, Mohammed, wie geht es dir? Man wird eingeladen, auf einen Tee oder Kaffee oder zum Essen, in dem Sinne isset recht ordentlich hier. Ick fühl mich wohl.“
Stand vom 03.07.2009
Dieser Beitrag gibt den Sachstand vom 03.07.2009 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.