Do, 09.09.2010 | 20:32 Uhr
Berlins Aufstieg zur Elektropolis, der modernen elektrifizierten Stadt, hatte maßgeblich mit den Firmen zu tun, die hier gegründet wurden und von hier aus Weltruhm erlangten. Die 1847 gegründete Firma Siemens ist ein Musterbeispiel dieser Entwicklung, aber auch Borsig, Osram oder die AEG. Neela Richter ist in den Untergrund gegangen, um die Anfänge der Elektropolis zu besichtigen.
Niko Rollmann: "Wir befinden uns hier in dem AEG-Tunnel, der in den 1890ern gebaut wurde, es ist der älteste kontinentaleuropäische U-Bahn-Tunnel und er hat eine Tunnelsohle mit einer Tiefe von 6,50 Metern und wie man sieht, ist es auch ein bisschen feucht hier, aber es ist für Berliner Verhältnisse ein fast einzigartiges Industriedenkmal."
Niko Rollmann vom Verein "Unter Berlin" geht voran in den knapp 300 Meter langen Versuchstunnel - s-förmig, feucht, eng, dunkel und verlassen. Darüber befindet sich das ehemalige AEG-Werk zwischen Acker- und Brunnenstraße. Vierzig Jahre nach Siemens, im Jahr 1887, gründet Emil Rathenau in Berlin die Allgemeine Electrizitäts-Gesellschaft.
Rathenau, 49 Jahre alt, wohlhabend, jüdisch, hat eine Lehre in der Maschinenfabrik seines Großvaters hinter sich, ein Studium, eine Firmenpleite. Und er hat die Verwertungs-Rechte für die Glühlampe, die Erfindung Edisons. Selbst die mächtige Firma Siemens kommt an Rathenaus Patenten nicht vorbei.
Heinz Dürr, Vorstandsvorsitzender der AEG bis 1990, erläutert: Siemens war der Großmeister der Elektroindustrie und Rathenau war ja kein Elektriker, sondern jemand, der sich von unten hochgezogen hat. Aber der war ein Unternehmer. Der Siemens war viel mehr Ingenieur. Der Unternehmer war der Rathenau."
Rathenau gründet erst die Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Elektricität, dann verkauft er seine Glühlampen. Emil Rathenau ergreift die Gunst der Stunde.
Heinz Dürr: Der hatte alles aufgegriffen, alle Ideen, der war der erste Marketing-Mann überhaupt. Der hat ja nicht gesagt, ich will euch Stromerzeugungsanlagen verkaufen, der hat gesagt: Ich verkaufe euch Licht!
Außerdem verkauft die AEG Straßenbahnen, Aufzüge, Motoren. Nur das Rennen um die Berliner U-Bahn verliert die AEG gegen den Konkurrenten Siemens. Rathenau holt einen Designer zur AEG, der sie bald zu einer modernen Marke machen wird: Peter Behrens entwirft Turbinenhallen und Lampen genauso wie das AEG-Firmenlogo. 1908, zum siebzigsten Geburtstag Emil Rathenaus, ist die AEG auf ihrem Höhepunkt angelangt. Doch Emil stirbt bald. Walther Rathenau muss die AEG übernehmen, der älteste Sohn. Der schreibt über sich selbst: "Berufswahl: schwankend zwischen Malerei, Literatur und Naturwissenschaft. Entscheidung für Physik, Mathematik und Chemie als Grundlage neuzeitlicher Technik und Wissenschaft."
Walther ist Schriftsteller, Politiker und einer der einflussreichsten Industriellen des Kaiserreichs. Eine Dreifach-Existenz. Das Geschäft überlässt er bald wieder anderen und geht in die Politik, wird Außenminister der jungen Weimarer Republik. 1922 wird er nahe seiner Wohnung von Rechtsnationalen ermordet. Die AEG bleibt auch nach seinem Tod eine der Stützen der Elektropolis. Einer der Erfolge: Das erste Tonband, vorgestellt 1935 auf der Berliner Funkausstellung: "Meine Herren, ich spreche heute zum ersten Mal auf das Bandgrammophon der AEG. Ich möchte mal, um die Wiedergabe zu kontrollieren, einen Lehrsatz sagen, den wir uns früher für solche Zwecke zurechtgemacht haben. Der Satz heißt: Sechs Hexen essen vierzig Pfirsiche."